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Krieg und Terror im Grenzgebiet zu Afghanistan Drucken E-Mail
Friday, 11 July 2008

Die Angst des Waffenschmieds

Selbst Profiteure des ewigen Konflikts fliehen nun nach Peschawar in Pakistan. Doch auch die Millionenstadt könnte schon bald in die Hände der Taliban fallen.

Als die Taliban kamen, war Muhammad Rafiq erleichtert. Die selbsternannten Gotteskrieger, erzählt er, hätten in seinem Ort für Ordnung gesorgt, Kindesmissbrauch bestraft, Ehebruch, Drogen, Glücksspiel und Videos verboten. Das gefiel ihm. Bis er eines Tages Schüsse hörte und vor die Tür trat. Muhammad Rafiq sah von Kugeln durchsiebte, enthauptete Menschen auf den Straßen liegen. An den Leichen hefteten Zettel mit handgeschriebenen Warnungen: Wer uns ausspioniert, sich unseren Regeln widersetzt, wird genauso enden.

Muhammad Rafiq schenkt Limonade nach. Er sagt: "Als Muslim bin ich darauf vorbereitet, dass ich während des Lebens Not und Härten durchmachen muss. Aber es war noch nie so schlimm wie im Moment." Er spricht so leise, dass er kaum den ächzenden Ventilator übertönt, der die 40 Grad im Schatten ein wenig erträglicher macht. Umringt von seinen Brüdern und Bekannten sitzt er im Hof vor einer Hütte am äußersten Rand Peschawars.

Die Straße vor seiner Bleibe führt direkt ins Hinterland der pakistanischen Nordwest-Grenzprovinz und in die sogenannten Stammesgebiete. Sie ist ein kilometerlanger, wuseliger Basar. Auf Lkw-Pritschen und Eselskarren transportieren Händler Mehl und Reis. Winzige Läden reihen sich aneinander: Es gibt Lebensmittel, Medikamente, Möbel. In den Bussen hocken Soldaten des pakistanischen Grenzkorps. Vor einem Geschäft schneidet ein Verkäufer Hühnern die Kehle durch und nimmt sie aus. Die Frauen sind komplett verschleiert, die meisten Männer tragen dunkle Bärte und Turbane. Es ist stickig, staubig, laut. Am Horizont zeichnen sich die Berge ab. Dort beginnt der Khyber-Pass, der nach Afghanistan führt.


Wenn die US-Regierung von den sicheren Rückzugsnestern der Extremisten spricht, meint sie diese von Paschtunen bewohnten, unwegsamen Gegenden jenseits von Peschawar. Mohammad Rafiqs Heimat. Ein Hauptschauplatz im "Krieg gegen den Terror". Lange Zeit hat er an dem Konflikt selbst gut verdient. Sein Heimatort Darra ist Pakistans größte Waffenschmiede. Jeder Einwohner in dem Ort verdient damit sein Geld. Kinder wachsen hier so selbstverständlich mit Revolvern auf wie ihre Altersgenossen in anderen Teilen der Welt mit Spielzeug.

Im Land von bin Laden

Auch Muhammad Rafiq fertigt Kalaschnikows, Pistolen, Munition - in Handarbeit. Seinen Käufern stellt er keine Fragen. Die billigsten Büchsen bietet er für umgerechnet vier Euro an. Das Geschäft lief - bis die Armee kam und die Gefechte mit den Taliban begannen. Wie Tausende Bewohner Darras gerieten auch Rafiq, seine Frau und die vier Kinder immer häufiger in die Schusslinie. Die Familie entschied sich zur Flucht. "Unser Besitz, unser Geld, alles was wir hatten, war für uns nicht mehr wichtig. Wir wollten nur noch unser Leben retten", sagt Muhammad Rafiq.

Das ist nun fünf Monate her, und noch immer wohnt er mit 40 Verwandten in der Notunterkunft bei Peschawar. So wie in Darra haben die Taliban in vielen Gegenden der Nordwest-Grenzprovinz und den Stammesgebieten die Macht übernommen. In weiten Teilen der Region hat die sowieso schon schwache Regierung in Islamabad traditionell wenig zu sagen. Stammesführer bestimmen das Geschehen. Viele von ihnen machen ihre eigenen Deals mit den Taliban. Sie gewähren den Radikalen Unterschlupf oder überlassen ihnen das Feld. Im Gegenzug verdienen sie weiter kräftig mit im Schmuggelgeschäft mit Waren, die ins Nachbarland geschleust werden. Die Grenze zu Afghanistan ist Hunderte Kilometer lang, es ist unmöglich, sie komplett zu kontrollieren.

Die Geheimdienste sind sich sicher: Irgendwo in dieser Region versteckt sich Osama bin Laden, hier bereiten die Al-Qaida-Terroristen den nächsten Schlag gegen den Westen vor. Der pakistanische Taliban-Führer Baitullah Mehsud, der für den Mord an der ehemaligen Premierministerin Benazir Bhutto verantwortlich gemacht wird, soll inzwischen eine 20.000 Mann starke Miliz haben. Seine Kämpfer schickt er von hier aus zu Attacken auf die Nato-Truppen nach Afghanistan.

Die Paschtunen haben die Grenzziehung nie akzeptiert

Auf beiden Seiten der vor mehr als 100 Jahren von den Briten gezogenen Grenze leben Paschtunen wie Muhammad Rafiq. Sie haben die Grenzziehung nie akzeptiert. Einen Angriff auf ihre Stammesbrüder in Afghanistan werten sie auf der pakistanischen Seite wie einen Angriff auf sich selbst. Wie die meisten Leute hier findet Muhammad Rafiq, seine Heimat sei besetzt - von den Amerikanern und der Nato.

Die pakistanische Regierung und die Armee habe sie verraten, weil sie mit den USA paktieren. Muhammad Rafiq glaubt den Taliban, die davon sprechen, dass der Westen einen Kreuzzug gegen ihren Volksstamm führt. "Ich habe nichts gegen Amerikaner, ich will Frieden. Aber wenn die US-Regierung und die Nato ihre Truppen hierhin schicken, um uns Paschtunen und unsere Religion auszurotten, ist es gut, wenn sich die Taliban ihnen entgegenstellen", sagt er.

Das aber bedeutet Gefahr und Kämpfe. Und dies sind noch nicht einmal die einzigen Sorgen, die Rafiq tiefe Furchen durchs Gesicht und Ringe unter die Augen ziehen. Der Krieg ist schlimm, gewiss, aber an manchen Tagen sind die drastisch gestiegenen Lebensmittelpreise noch schlimmer. Reis, Obst und Gemüse kosten 75 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Sein Einkommen aber ist drastisch gesunken, seit die Taliban nach Darra gekommen sind. Mit umgerechnet 80 Euro muss die Familie nun auskommen.

Jeden Tag steht Muhammad Rafiq um vier Uhr auf, betet, frühstückt, macht sich trotz der unsicheren Lage auf den 16 Kilometer langen Weg in den Heimatort. Er hat keine Ahnung, wie er die Familie sonst ernähren könnte. Für einige Stunden öffnet er sein Geschäft, nutzt die Zeit, um weitere Mordwerkzeuge herzustellen. Einerseits sind sie seine einzige Einnahmequelle, andererseits tragen sie dazu bei, dass in der Nordwest-Grenzprovinz ein Menschenleben für wenig Geld ausgelöscht werden kann: "Blut ist hier inzwischen billiger als Mehl", sagt ein Provinzpolitiker in Peschawar.

Ein Minister hält Hof

In dieser dramatischen Lage fühlen sich die Bewohner der Provinz alleingelassen. "Wir leben hier ein erbärmliches Leben. Niemand kümmert sich darum. Die Regierung schickt bloß die Armee, aber sie sorgt nicht dafür, dass wir Strom haben und Lebensmittel, die wir uns auch leisten können", sagt Muhammad Rafiq. Wütend klingt er dabei nicht, eher resigniert.

Die neue, seit Februar regierende Koalition in Islamabad ist bisher tatsächlich mit anderen Dingen beschäftigt, als das Alltagsleben der Menschen in Pakistan zu verbessern. Noch fehlen die Konzepte, um die Preissteigerungen abzumildern. Die Regierung ringt auch nicht um eine Strategie für den Anti-Terror-Kampf, der Pakistan zermürbt. Die zivile Koalition will sich absetzen von dem zum Präsidenten gestutzten ehemaligen Militärmachthaber Pervez Musharraf, der sich nach den Anschlägen vom 11. September einerseits als treuer Verbündeter der Amerikaner präsentiert, durch seine Politik aber die Radikalen stark gemacht hat.

Die Taliban sehen inzwischen zusätzlich zu den USA die pakistanische Regierung als ihren Hauptfeind. Deshalb schicken sie die Selbstmordattentäter nicht nur nach Afghanistan, um die Nato-Truppen aus dem Land zu bomben, sondern auch auf belebte Märkte in Peschawar, Lahore oder Islamabad. Erst am Sonntag starben in der Hauptstadt mehr als 20 Menschen bei einem Selbstmordanschlag vor einer Polizeistation. Der Attentäter, so vermeldete ein Regierungssprecher am Montag, sei ein Jugendlicher im Alter von 15 oder 16 Jahren gewesen. Im Vorjahr kamen mehr als 2100 pakistanische Zivilisten und Soldaten bei Anschlägen und Gefechten ums Leben. Doppelt so viele wie im Jahr davor.

Besonders in der Nordwest-Grenzprovinz ist die prekäre Sicherheitslage das alles beherrschende Thema. Die Regierung setzt abwechselnd auf Gespräche und Kämpfe, ein klarer Kurs ist nicht erkennbar. Als die Extremisten bedrohlich nahe an die Millionenstadt Peschawar heranrückten, startete das Militär vor zehn Tagen eine groß angelegte Offensive. Am Wochenende allerdings wurde wieder eine vorläufige Waffenruhe vereinbart.

Dort, wo jedes Versprechen unseriös wäre

Mit Friedensabkommen hatte es auch schon Musharraf versucht, mit dem Ergebnis, dass am Ende den Radikalen ganze Gebiete überlassen wurden, wo sie ungestört die Scharia einführen dürfen und es keine staatliche Gegenwehr gibt, wenn sie Mädchenschulen in die Luft sprengen. Im Gegenzug fordert die Regierung die Zusage ein, dass von hier aus keine weiteren Anschläge geplant werden.

Für Bashir Ahmad Bilour geben solche Abmachungen zumindest etwas Hoffnung darauf, dass das Leben von Menschen wie Muhammad Rafiq wieder besser wird. Bilour ist Minister der Nordwest-Grenzprovinz, und er setzt auf eine Verhandlungslösung mit den Taliban. Vor der Tür seines kargen Ministerbüros warten 50 aufgeregte Bewohner der Region, um ihn zu sprechen. Nach und nach lässt er die Delegationen eintreten. Der Mann mit dem schlohweißen Haar bietet seinen Bürgern Tee mit viel Zucker an. Bilour hört sich jedes Wort an. Er beschwichtigt die aufgebrachten Menschen, die aus den umliegenden Dörfern gekommen sind, um über ihre Nöte und die katastrophale Lage zu berichten. Er macht keine Versprechen. Er weiß, dass es unseriös wäre.

Der Minister holt weit aus, wenn er über die Probleme der Nordwest-Grenzprovinz spricht. Als die Russen in den achtziger Jahren das benachbarte Afghanistan besetzt hielten, unterstützten die USA die muslimischen Kämpfer, um den Erzfeind zu vertreiben. Schließlich zogen die sowjetischen Soldaten ab. Die Amerikaner ließen die Dschihadis, die sie selbst stark gemacht hatten, im Stich. Die Taliban füllten das Vakuum, übernahmen die Macht in Afghanistan, sagt Bilour, und etliche Kämpfer gingen zurück in die Grenzregion. Nun bekämpfen genau diese Fundamentalisten wiederum die Amerikaner.

Verhandeln, um anzugreifen

"Peschawar ist heutzutage an der vordersten Front im Kampf gegen den Terrorismus", sagt der Minister. Abmachungen mit den Taliban könnten das Leben friedlicher machen, hofft er. "Aber wir sitzen hier weiterhin auf einem ganzen Haufen von Sprengsätzen", gesteht er ein, bevor er aufspringt, zur Tür geht und die nächsten Besucher hereinbittet.

Es gibt in Peschawar Beobachter, die über Bilours Friedensverhandlungen mit den Taliban und die beunruhigende Lage offen reden. Ashiq zum Beispiel kennt sich bestens aus in Sicherheitskreisen, hat Kontaktmänner im Militär, in der Polizei und der Regierung. Er weiß genau, was in den Gebieten um Peschawar herum tatsächlich geschieht.

Ashiq heißt eigentlich anders. Er sagt, für ihn und seine Quellen sei es gefährlich, in einer Zeitung mit dem richtigen Namen erwähnt zu werden. Der Mann besteht auf einem konspirativen Treffen. "Die Strategie, mit den Taliban zu verhandeln, funktioniert absolut nicht. Sie werden diese Gelegenheit wieder nutzen, um sich neu zu formieren und weitere Angriffe zu planen, so wie sie das früher bereits getan haben", sagt er und bestätigt damit genau das, was die Nato und die USA befürchten.

Dann zeigt er seine Aufzeichnungen: 40 Seiten, sie handeln von hingerichteten pakistanischen Polizisten, von Schulen, die nach Drohungen der Taliban geschlossen bleiben, von unzähligen Entführungen. Eine Region im Ausnahmezustand. Inzwischen sind die Militanten so stark, dass sogar Peschawar in ihre Hände fallen könnte. Der Polizeichef spricht davon, dass die Stadt in ein paar Monaten fallen wird, wenn es so weitergeht.

Muhammad Rafiq könnte also bald wieder in die Schusslinie geraten. Aber für ihn ist das nicht die Schuld der Taliban. Frieden in seiner Heimatregion werde es nur geben, wenn der Westen aus Afghanistan abzieht, sagt er. Zwar solle sich niemand, der jünger als 30 Jahre ist, den Militanten anschließen. Aber Muhammad Rafiq schiebt noch einen Satz nach: "Hier ist schon jedes Kind bereit, die Taliban in ihrem Kampf gegen die USA zu unterstützen."

 

 

 
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