| Taliban-Comeback alarmiert Washington |
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| Friday, 11 July 2008 | |
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02.07.2008 - 41 Prozent mehr Angriffe, mehr Tote als im Irak - und düstere Aussichten: Afghanistan ist zum gefährlichsten Brandherd der Weltpolitik geworden. Die USA schlagen Alarm wegen des Comebacks der Taliban. Ob Bush, McCain oder Obama, alle fordern mehr Einsatz von Europa.
Washington - Es sind drastische Zahlen, die Europas Nato-Oberbefehlshaber John Craddock an diesem Mittwoch in Wien zu verkünden hatte. Die Zahl der Zusammenstöße zwischen Taliban und der Nato-Schutztruppe Isaf sei seit dem Frühjahr um 41 Prozent gestiegen, sagte der US-General - und schickte einen Forderungskatalog hinterher: Die Nato-Truppen im Land bräuchten eine bessere Ausrüstung, um schneller am Einsatzort zu sein, außerdem weniger Beschränkungen durch ihre Regierungen. Die Truppen seien "oft ziemlich unbeweglich, weil wir nicht die nötige taktische Mobilität haben". Kurz: Die internationale Gemeinschaft, die Uno, die Nato, die EU, alle "müssen und können mehr tun", um den Frieden in Afghanistan zu sichern. Der General schlägt deshalb so vernehmlich Alarm, weil der Afghanistan-Krieg in der öffentlichen Wahrnehmung lange hinter dem Feldzug im Irak zurückgetreten war - in Wahrheit aber inzwischen wieder der gefährlichere Brennpunkt für den Westen ist. Viele US-Militärs und -Politiker äußern offen ihre Sorge um die ohnehin spärlichen Erfolge in dem Land. Als Barack Obama am Samstag seine Pläne für eine baldige Europareise bekanntgab, dankte er Deutschland, Frankreich und Großbritannien für ihren "wichtigen Beitrag zur Mission in Afghanistan". Irak oder andere Krisenregionen erwähnte er nicht. Vielleicht, weil dort das europäische Engagement ungleich geringer ist - vielleicht aber auch, weil die Lage in Afghanistan US-Politiker momentan einfach am meisten umtreibt. "Unverwüstlicher Aufstand" der Taliban Tatsächlich überschlagen sich derzeit in Washington die Hiobsbotschaften von jener Front, die anders als das Irak-Schlamassel schon unter Kontrolle zu sein schien. Afghanistan ist mittlerweile für die ausländischen Truppen ein gefährlicheres Pflaster als der Irak. In einem 72-Seiten-Bericht bezeichnete das US-Verteidigungsministerium soeben die Taliban-Rebellion in Afghanistan als "unverwüstlichen Aufstand" und prognostizierte für den Rest des Jahres: "Die Taliban werden wohl 2008 die Zahl ihrer Terrorattacken beibehalten oder gar erhöhen." Schlimmer noch: Laut dem Bericht droht den westlichen Truppen ein Zwei-Fronten-Kampf - mit den Taliban im Süden des Landes und einer Koalition verschiedener Aufständischen-Gruppen im Osten Afghanistans. "Die Lage hier ist in jedem Fall schlimmer geworden", sagt John Dempsey, Afghanistan-Statthalter des "US Institute of Peace", zu SPIEGEL ONLINE. "Selbst in Kabul, das viel sicherer ist als weite Teile des Landes, sind Entführungen an der Tagesordnung. Sicherheitsexperten sprechen mittlerweile offen von möglichen verheerenden Angriffen der Taliban mitten in der Hauptstadt." Nach wie vor ist die afghanische Regierung schwach und korrupt, die Abstimmung zwischen internationalen Hilfsorganisationen unausgegoren. Offen wird in dem US-Bericht zugegeben, dass der Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte sehr schleppend vorangeht - auch weil die USA weit weniger Trainer und Mentoren schicken als versprochen. Afghanistan bleibt außerdem der größte Opiumproduzent der Welt, der Kampf gegen den Schlafmohnanbau ist laut General Craddock "ganz ehrlich ziemlich wirkungslos" - denn obwohl die afghanische Armee inzwischen effektiver arbeite, benötige sie internationale Unterstützung bei der Drogenbekämpfung. Den Taliban nutzt das, denn das Geschäft füllt ihre Taschen. Die zweite, vergessene Kriegsfront Gleichzeitig droht wegen der hohen Nahrungsmittelpreise eine Hungersnot. Der normale Afghane sehe, dass bei Nato-Einsätzen Zivilisten sterben, "und erlebt eine Regierung, die ihre Versprechen nicht einhält", sagt Dempsey. "Kein Wunder, dass sich manche fragen, ob sich so viel zum Besseren gewandelt hat in den vergangenen Jahren." Mohammad Stanekzai, Ex-Berater des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai, sieht darin auch ein Versäumnis der internationalen Gemeinschaft: "Es wird immer über die Strategie gesprochen, aber es fehlt an der Umsetzung." Natürlich sind düstere Prognosen über die Lage in Afghanistan nichts Neues. Schon Anfang des Jahres erregte der frühere Nato-Oberkommandierende James Jones mit der These Aufsehen, die Nato gewinne den Feldzug in dem Land nicht. Die Gewalt nimmt seit einiger Zeit zu, schon 2007 wurden 140 Selbstmordattentate gezählt - von 2001 bis 2005 waren es fünf. Neu aber ist der politische Fokus in Washington. Seit die Truppenaufstockung im Irak dort mehr Stabilität gebracht hat, gerät die zweite US-Kriegsfront wieder stärker in den Blickpunkt. Dass Afghanistan so lange in Vergessenheit geraten war, lag neben der jahrelangen relativen Ruhe an zwei Gründen: Dort sind viel weniger US-Soldaten stationiert als im Irak, rund 30.000 verglichen mit rund 144.000. Zweitens versuchte die Regierung von George W. Bush vehement, den Einsatz in Afghanistan als Erfolgsgeschichte im Kampf gegen den Terror zu vermarkten. Schlechte Nachrichten passten kaum ins Programm. Doch nun wird immer deutlicher, dass Terroristen vor allem an der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan neue Rückzugsorte gefunden haben. Nato- und US-Truppen attackieren dort derzeit vehement und schrecken selbst vor Übergriffen auf pakistanisches Staatsgebiet nicht mehr zurück - denn dass Pakistan den militanten Gruppen Waffenstillstandsangebote gemacht hat, ließ diese nach Meinung vieler Experten nur noch erstarken. "Es wird keinen echten Fortschritt in Afghanistan geben, solange sich die Lage an der Grenze zu Pakistan nicht ändert", sagt Dempsey. Obama will 10.000 Soldaten zusätzlich schicken Am Ende wären in Afghanistan mehr Geld und wohl auch mehr Truppen nötig. Im Juni versprach die internationale Gemeinschaft immerhin weitere 21 Milliarden Dollar Finanzhilfe für Afghanistan, die Briten haben gerade eine Erhöhung des Truppenkontingents angekündigt, die USA schicken 3200 zusätzliche Elitesoldaten, Deutschland 1000 zusätzliche Soldaten. Doch Außenpolitiker raten zu einer ganz neuen Strategie, die darüber hinausreicht. James Rubin, unter Präsident Bill Clinton Sprecher des US-Außenministeriums, entwirft in der aktuellen Ausgabe von "Foreign Affairs" ein Afghanistan-Konzept mit drei Säulen:
Ähnlich äußern sich John McCain und Barack Obama, die Präsidentschaftskandidaten von Republikanern und Demokraten. Obama will bis zu 10.000 neue Soldaten in das Land schicken und das Budget für zivile Hilfe erhöhen. McCain fordert mehr Nato-Truppen und besseres Training der afghanischen Sicherheitskräfte. In einem sind sich beide vollkommen einig: Die Nato-Partner sollen mehr leisten. Wer immer ins Weiße Haus einzieht, der Druck auf die Europäer wird wachsen. Zurecht, kommentiert die "New York Times": Verbündete, die "unentschuldbare Beschränkungen" für ihre Truppen eingeführt hätten, "müssen diese aufheben". Damit ist auch Deutschland gemeint, das der Bundeswehr nur einen Einsatz im relativ sicheren Norden des Landes erlaubt. James Rubin argumentiert, anders als beim Irak-Krieg stehe Afghanistan nun mal "in direktem Zusammenhang zum 11. September 2001. Das müsste der US-Regierung genügen, um die europäischen Verbündeten unter Druck zu setzen." Seine Forderung: Ein Drittel der 20.000 bis 30.000 Soldaten, die gebraucht werden, sollten aus Europa kommen. In Deutschland sind solche Forderungen genauso unpopulär wie der Nato-Einsatz in Afghanistan selbst. Deutsche Politiker wollen eine Debatte vor der Bundestagswahl 2009 am liebsten vermeiden. Dabei allerdings sollten sie nicht auf ihren Favoriten Barack Obama hoffen: Er hat schon klargestellt, kanadische und US-Soldaten könnten im umkämpften Süden Afghanistan nicht länger alleine die "Drecksarbeit" machen. Vielleicht will Obama über den deutschen Beitrag ja schon bald bei seinem Berlin-Besuch sprechen. Quelle: dpa
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