| Russische Afghanistan-Veteranen wundern sich über Nato-Strategie |
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| Monday, 14 July 2008 | |
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14. Juli 2008 - Vor knapp zwanzig Jahren verliess der letzte Sowjetsoldat Afghanistan. Heute schauen die Veteranen gebannt zum Hindukusch - und bemitleiden die Nato-Truppen.
Waleri Woschtschewos, 52, ist ein Russe wie aus dem Bilderbuch: gross, bärenstark, stahlblaue Augen. Eben ist er vom Hindukusch zurückgekehrt, wo er für die Russische Union der Afghanistan-Veteranen, deren Vizepräsident er ist, einen Dokumentarfilm dreht. Auf seinem Pult liegen Fotos: Woschtschewos mit bärtigen Einheimischen, karge Landschaften, ein sowjetisches Kriegerdenkmal. Fast idyllische Bilder. Weniger idyllisch sind derzeit die Nachrichten aus Afghanistan. Allein im Monat Juni haben die westlichen Truppen 45 Soldaten verloren. «Die Nato wiederholt unsere Fehler von damals», sagt Woschtschewos. Er meint: Die Fehler der Sowjetunion. Von 1979 bis 1989 hat Moskau in Afghanistan Krieg geführt, um ein kommunistisches Marionetten-Regime zu stützen. 15’000 Sowjetsoldaten starben. Am Schluss blieb nur noch der unehrenhafte Abzug. Auch Woschtschewos diente zwei Jahre lang am Hindukusch. Als Kommandant eines Bataillons jagte er aufständische Mujahedin, besorgte Informationen, beschützte Nachschublinien. Wenn er jetzt als Filmemacher nach Afghanistan reist, dann scheint es, als habe er Mitleid mit den Nato-Truppen. Erschreckt und ängstlich wirkten die Amerikaner in ihren gepanzerten Fahrzeugen, sagt er. Die sowjetischen Soldaten dagegen seien mit Zivilisten zusammengesessen, hätten Tee getrunken und Zigaretten geraucht. «Das war vielleicht nicht korrekt nach dem militärischen Lehrbuch, aber so ist nun mal unsere Mentalität.» Genützt hat die Nähe zu den Einheimischen allerdings nichts: «Wir wussten letztlich zu wenig über die Traditionen Afghanistans und setzten auf die falschen Leute vor Ort», sagt Woschtschewos. Dazu komme: Die Afghanen würden fremde Truppen auf ihrem Staatsgebiet per se nicht dulden. Der Moskauer Militärexperte Alexander Goltz, von 1987 bis 1989 als Kriegsreporter in Afghanistan, spricht von «offensichtlichen Parallelen» zwischen dem sowjetischen und dem westlichen Krieg am Hindukusch: «Die Sowjetunion wollte einer traditionellen Stammesgesellschaft fremde Werte aufdrängen. Dasselbe probiert nun der Westen.» Damals wie heute herrsche Ungeduld sowie der Irrglaube, mit Feuerkraft könne man seinen Willen schon durchsetzen. «Diese Strategie führt automatisch zu Widerstand», sagt Goltz. Der Kreml hat ein zwiespältiges Verhältnis zum aktuellen Nato-Einsatz. Zwar erlaubt er der Allianz seit kurzem, Güter über russisches Staatsgebiet nach Afghanistan zu fliegen. Dahinter stecke reiner Eigennutz, sagt Goltz: «Als vernünftige Menschen verstehen unsere Politiker, dass die Nato in Afghanistan eine Arbeit macht, die auch der Sicherheit Russlands dient.» Ein wichtiges Indiz dafür: Nur Monate vor dem Einmarsch der westlichen Koalition habe der russische Generalstab grosse Truppenverschiebungen geplant, um die Taliban von einer Expansion nach Norden abzuhalten. «Diese Aufgabe erfüllt jetzt die Nato», sagt Goltz. Trotzdem schwelgt die russische Führung dieser Tage wieder in ihrem traditionellen Antiamerikanismus. Militärexperte Goltz: «Manche glauben, die Nato brauche Afghanistan nur als Deckmantel, um Russland aus Zentralasien zu drängen.» In der Berichterstattung des russischen Fernsehens jedenfalls ist eine gewisse Schadenfreude über die Misserfolge der Nato nicht zu überhören. Auch Veteran Woschtschewos ist auf die Amerikaner nicht besonders gut zu sprechen. Dies hat vor allem mit seiner eigenen Kriegserfahrung zu tun. Er glaubt, die Sowjets hätten in den Achtzigerjahren nicht gegen die Afghanen, sondern gegen die USA gekämpft. Immerhin versorgte Washington die Mujahedin mit Waffen und Geld. Mittlerweile habe sich das Blatt aber gewendet, behauptet Woschtschewos. Heute würden die Afghanen gerne russische Hilfe annehmen, um die Amerikaner aus dem Land zu werfen. «Mich fragen sie immer wieder: `Warum unterstützt ihr uns nicht?`.» Doch allem Patriotismus zum Trotz: Der Veteranen-Funktionär räumt ein, dass Russland mit den Rückkehrern aus vergangenen Kriegen genug Probleme hat. Viele Soldaten, die in Afghanistan dienten, leben bis heute in unwürdigen Verhältnissen: ohne Wohnung, ohne Job, ohne richtige medizinische Versorgung. Dazu kommt ein psychisches Trauma: Als sie aus dem Krieg heimkamen, fiel das Land, für das sie gekämpft hatten, gerade auseinander. Kein Platz für VerliererIn der öffentlichen Wahrnehmung sind die Afghanistan-Veteranen heute quasi inexistent: Russland feiert jedes Jahr mit Pomp den Sieg im Zweiten Weltkrieg, da bleibt kaum Platz, um sich auch noch an die Niederlage in Afghanistan zu erinnern. Die Veteranen-Union muss das Geld für ihre Unterstützungs-Aktionen weitgehend selber zusammenkratzen. Die Rehabilitation von Veteranen funktioniere in Russland schlecht, sagt Woschtschewos. Und er gibt zu: «Das machen die Amerikaner besser.» Quelle: www.tagesanzeiger.ch |
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