Bundesregierung will noch mehr Krieg!
Pressemitteilung des Bundesausschusses Friedensratschlag
- Noch mehr Soldaten in den Kampf - Bundeswehreinheiten sollen in ganz Afghanistan eingesetzt werden - Kriegskosten steigen um 30 Prozent - Das Volk soll gefälligst das Maul halten - Friedensbewegung übergab Petition
Kassel, 7. Oktober 2008 - Zu dem heute vorgelegten und im Bundestag diskutierten Antrag der Bundesregierung zur Verlängerung des Afghanistaneinsatzes der Bundesregierung erklärte der Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag:
Am Vormittag beschloss das Bundeskabinett die Modalitäten des fortgesetzten Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan - am Nachmittag sollte sich der Bundestag in erster Lesung mit dem Antrag befassen. Schon an dieser kurzen Frist kann man sehen, wie wenig der Regierungskoalition an einer fundierten und ernsthaften Debatte über das
Thema gelegen ist. Für diese Geringschätzung spricht auch, dass die Bundestagssitzung erst auf Antrag der Opposition einberufen werden musste.
Was bereits im Vorfeld angekündigt worden war, soll nun beschlossen werden: Das Bundeswehrkontingent, das im Rahmen von ISAF operiert, soll
von bisher höchstens 3.500 auf 4.400 Soldatinnen und Soldaten erhöht werden. Damit kommt die Bundesregierung ein weiteres Mal den anderen NATO-Staaten und insbesondere den USA entgegen, die seit längerem eine Verstärkung der Militärpräsenz der NATO in Afghanistan fordern. Während
die öffentliche Debatte und die Meinung von Experten immer mehr dazu neigen, den Afghanistankrieg zu beenden und die Besatzung lieber heute als morgen abzuziehen, favorisiert die Bundesregierung weiterhin die militärische Lösung, den Krieg. Die Auffassung von Hardlinern aus den USA, Großbritannien und Frankreich, wonach sich das Schicksal der NATO am Hindukusch entscheidet, wird mittlerweile auch von Verteidigungsminister Jung und von Bundeskanzlerin Merkel vertreten. Mit
anderen Worten: Afghanistan ist für sie nur noch das Exerzierfeld, auf dem sich die NATO zu bewähren hat.
Allen Warnungen zum Trotz weitet die Bundesregierung aber auch das Mandat für Teile der Bundeswehr auf ganz Afghanistan aus. Dies gilt etwa
für die deutschen Fernmeldeeinheiten, für die deutschen Lufttransport-Kapazitäten und für den Bereich der sog. Operativen Information. Im Antrag der Bundesregierung heißt es dazu: "Darüber hinaus können im gesamten Verantwortungsbereich von ISAF die Aufklärungsflugzeuge vom Typ TORNADO RECCE eingesetzt werden sowie deutsche Beiträge zur Führung und Durchführung von Informations- und Fernmeldeeinsätzen, zum ISAF-Lufttransport, einschließlich taktischem Verwundetentransport (AIRMEDEVAC) geleistet werden." Diese Einheiten sollen - ähnlich wie das bei den Tornados bereits der Fall ist - nicht nur in Nordafghanistan, sondern auch im Süden und Südosten des Landes eingesetzt werden. Damit steigt die Gefahr für Leib und Leben der Soldaten. Und damit wiederum verstärkt sich der "Zwang", künftig weitere
Kampftruppen an den Hindukusch zu entsenden.
Außenminister Steinmeier hat in der Bundestagsdebatte heute darauf hingewiesen, dass demnächst auch AWACS-Aufklärungsflugzeuge mit deutschen Besatzungen den Luftraum über Afghanistan überwachen werden. Dass dieser Einsatz noch nicht in dem vorliegenden Antrag gefordert wird, ist wohl auch ein taktisches Manöver. Die Abgeordneten in der Regierungskoalition sollen offenbar bei der Stange gehalten werden.
Die Kosten des Afghanistaneinsatzes steigen weiter an: Bisher waren es pro Jahr 450 Millionen Euro für den Militäreinsatz. Für die nächsten 14
Monate beläuft sich der militärische Beitrag auf 688 Mio. EUR. Bezogen auf einen 12-Monatszeitraum sind das 590 Mio. EUR. Die Kriegsausgaben werden also um gut 30 Prozent erhöht.
Wie wenig die Bundesregierung vom eigentlichen Souverän, der Bevölkerung, hält, dokumentiert sie mit der Verlängerung der Laufzeit des Mandats von 12 auf 14 Monate. Der Afghanistankrieg soll aus dem Bundestagswahlkampf 2009 herausgehalten werden, lautet die offizielle Begründung. Was für ein pervertiertes Demokratieverständnis! In der wichtigsten Frage überhaupt, der nach Krieg oder Frieden, hat das Volk gefälligst das Maul zu halten.
Die Friedensbewegung wird den Kriegsbefürwortern einen Strich durch die
Rechnung machen. Das Thema Afghanistan wird von ihr zu einem zentralen Thema ihrer Öffentlichkeitsarbeit im Bundestagswahlkampf gemacht. Es verträgt sich auf Dauer nicht mit einer Demokratie, wenn die Regierung ein ums andere Mal gegen die Interessen und Wünsche des Staatsvolks handelt. Alle Umfragen der letzten Jahre zeigen eine konstante und eindeutige Mehrheit der Bevölkerung gegen die deutsche Kriegsbeteiligung
und für den Abzug der Bundeswehr. Das muss sich endlich auch in der Zusammensetzung des Bundestags widerspiegeln. Heute Morgen haben Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Friedensorganisationen in einer
spontanen Aktion vor dem Reichstag gegen den Afghanistan protestiert und
rund 22.000 Unterschriften unter eine entsprechende Petition an den Bundestag übergeben. Die Aktion wurde mit demonstrativem Beifall der auf
Einlass in das Gebäude wartenden zahlreichen Touristen begleitet.
Für den Bundesausschuss Friedensratschlag: Peter Strutynski, Kassel (Sprecher)
Bei Rückfragen: P. Strutynski: 0561/804-2314; mobil: 0160-97628972
Unsere Empfehlung: Besuchen Sie die friedenspolitische Website der AG Friedensforschung mit
dem umfangreichen Afghanistan-Dossier: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Afghanistan/Welcome.html |