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Vormarsch auf Kabul Drucken E-Mail
Wednesday, 10 December 2008
09.12.2008 KABUL/BERLIN - Zum ersten Mal seit dem Beginn der Besetzung Afghanistans bereiten sich die westlichen Truppen auf einen Vormarsch der Aufständischen auf Kabul vor.

Washington kündigt an, im Januar eine komplette Brigade unmittelbar südlich der afghanischen Hauptstadt zu stationieren. Kabul kann auf dem Boden zur Zeit nur in Richtung Norden verlassen werden; die Straßenverbindungen in alle anderen Himmelsrichtungen gelten inzwischen wegen zunehmender Rebellenangriffe als unpassierbar. Ernste Probleme drohen beim Nachschub über Land, der seit Tagen in Pakistan scharf attackiert wird. Moskau bietet Hilfe an: Deutschland habe die Genehmigung erhalten, Kriegsgerät per Eisenbahn über russisches Territorium in Richtung Hindukusch zu transportieren; davon könnten auch weitere NATO-Staaten profitieren. Tatsächlich zieht es die Bundeswehr in Betracht, eine Eisenbahnverbindung von ihrer Nachschubbasis in Mazar-e-Sharif bis zur nördlichen Landesgrenze zu bauen, um die benötigten Materialien in größerem Umfang über Russland einzuführen. Zugleich ist wegen eskalierender Kämpfe im Norden eine Aufstockung der deutschen Schnellen Eingreiftruppe im Gespräch. Russische Militärs verweisen auf deutliche Parallelen zwischen der sowjetischen und der westlichen Besetzung Afghanistans.

Nicht ob, sondern wann
Hintergrund der aktuellen US-Stationierungspläne sind umfangreiche Positionsgewinne der Aufständischen in Afghanistan. Sie sind in Vergleichsstudien des Londoner Thinktanks International Council on Security and Development (ICOS, vormals: Senlis Council) gut dokumentiert. Bereits Ende 2007 hatte der Thinktank den Einfluss der Taliban in allen Provinzen Afghanistans zu ermitteln versucht und war zu dem Ergebnis gekommen, auf 54 Prozent des afghanischen Territoriums seien schwere, auf 38 Prozent substanzielle und auf acht Prozent leichte Aufstandsaktivitäten zu verzeichnen. Schon damals hatte die Organisation geurteilt, die Frage sei "nicht mehr, ob die Taliban nach Kabul zurückkehren, sondern wann das geschehen wird und in welcher Form".[1] Der Zeitpunkt scheint näher zu rücken.
 
Nur eine von fünf
Dies lässt eine neue Studie vermuten, die ICOS am gestrigen Montag veröffentlicht hat. Demnach sind nicht nur die Einflussgebiete der Aufständischen erheblich gewachsen: Mittlerweile sind laut ICOS auf 72 Prozent des afghanischen Territoriums schwere, auf 21 Prozent substanzielle und auf acht Prozent leichte Aufstandsaktivitäten zu verzeichnen.[2] Ins Gewicht fällt auch, dass von fünf wichtigen Straßenverbindungen aus Kabul hinaus nur noch eine einzige ohne große Risiken befahren werden kann. In Richtung Osten (nach Jalalabad) werde die Reise nach 60 Minuten Fahrt zu gefährlich, in Richtung Westen (nach Wardak) bereits nach 30 Minuten, und in Richtung Süden (nach Logar) ende die nutzbare Strecke unmittelbar an den Grenzen der Stadt. Auch die nordöstliche Route zum Flughafen Bagram werde wegen der dortigen Truppenbewegungen häufig attackiert. Entlang der westlichen, südlichen und östlichen Einfallstraßen errichten ICOS zufolge die Taliban Basen, von denen aus sie schon jetzt immer mehr Überfälle auf Kabul starten.
Kessel Kabul
Die neuen Pläne der US Army zur Truppenstationierung tragen dieser Entwicklung Rechnung und sollen einen Sturm der Aufständischen auf die Hauptstadt verhindern. Demnach wird Anfang Januar eine Brigade mit bis zu 4.000 Soldaten vor allem westlich und südlich Kabuls stationiert (in den Provinzen Wardak und Logar). Mehrere Hundert Militärs sollen zudem östlich Kabuls eingesetzt werden.[3] Eine Einkreisung der in einem Kessel gelegenen Stadt durch Aufständische gilt unter Militärs als echte Gefahr. Dabei rechnen westliche Beobachter damit, dass die Attacken der Taliban dieses Jahr auch im Winter anhalten werden - trotz der widrigen Witterung, die in den Vorjahren meist für ein Abflauen der Kämpfe sorgte.
 
Nachschubprobleme
Ernste Problem ergeben sich inzwischen nicht nur bei der Sicherung Kabuls, sondern auch beim Nachschub. Eine beträchtliche Menge an Materialien wird derzeit nicht per Flugzeug, sondern mit LKWs von Pakistan nach Afghanistan transportiert, etwa Treibstoff. Drei Viertel davon passieren die Stadt Peshawar sowie die pakistanischen Federally Administered Tribal Areas (FATA, "Stammesgebiete"), in denen die Aufstände ebenfalls eskalieren.[4] In den letzten Wochen haben Rebellen in Peshawar mehrere Hundert LKWs zerstört und damit den Nachschub der westlichen Truppen ernstlich bedroht. Dies gilt auch für deutsche Einheiten am Hindukusch.
Durch Russland
Hilfe bei der Suche nach Alternativen bietet Russland an. Erst kürzlich hat es der Kreml der Bundeswehr erlaubt, Militärausrüstung per Eisenbahn über russisches Territorium nach Afghanistan zu transportieren. Es sei zum ersten Mal, dass dies den Streitkräften eines fremden Staates gestattet werde, erklärte das russische Außenministerium.[5] Wie es jetzt in Moskau heißt, sei es denkbar, den gesamten NATO-Nachschub stärker über Russland und Zentralasien abzuwickeln. Der Kreml hat sein Territorium für nichtmilitärische NATO-Transporte bereits zur Verfügung gestellt; wie der russische NATO-Botschafter Dmitri Rogosin soeben mitteilt, sind jetzt die letzten Einzelheiten mit den Regierungen Kasachstans und Usbekistans besprochen worden, über deren Territorien die Transitstrecke führt.[6] Moskau erhofft sich von der Kooperation eine Annäherung an den Westen, insbesondere an Washington. Davon profitieren würde vor allem Berlin.
 
Schlüsselposition
Ursache dafür ist nicht nur die enge deutsch-russische Kooperation [7], die Berlin eine privilegierte Position in Moskau verschafft und bei nachlassendem Druck aus den USA noch intensiviert werden könnte. Die aus Russland kommenden NATO-Nachschubtransporte würden nach aktuellem Stand an der Grenze zwischen Usbekistan und Afghanistan enden - in der usbekischen Stadt Termez, wo die Bundeswehr einen Stützpunkt unterhält. Von dort aus will die Bundeswehr jetzt eine Eisenbahnstrecke zu ihrem Nachschubdrehkreuz in Mazar-e-Sharif bauen.[8] Die aufwendige Maßnahme lohnt sich nur bei entsprechend langfristiger Nutzung, würde Deutschland aber eine Schlüsselposition bei der Sicherung des NATO-Nachschubs garantieren (schon heute sorgt die Bundeswehr für 40 [Material] bis 45 [Personal] Prozent des Lufttransports). Zudem heißt es, man könne das Militärvorhaben wohl über Entwicklungsmittel internationaler Organisationen bezahlen, weil die Gleisstrecke auch zivil zu nutzen sei und damit die Wirtschaft in der Region fördere.
 
Neuzuschnitt
Neben den Umwälzungen in der Kriegslogistik treffen auch die eskalierenden Kämpfe in zunehmendem Maße die Bundeswehr - bislang noch nicht im Süden und Osten des Landes, dafür aber im angestammten deutschen Besatzungsgebiet im Norden. Während die deutschen Einheiten in Kunduz immer stärker unter Feindbeschuss geraten, hat Staatspräsident Hamid Karzai jetzt einen Neuzuschnitt der Provinzgrenzen in Nordafghanistan beschlossen. Die Folge ist, dass die Region Ghormach Teil des deutschen Besatzungsgebiets wird. Ghormach gilt als Hochburg der Aufständischen und war bereits mehrfach Schauplatz militärischer Operationen, die unter deutscher Führung und teilweise mit Beteiligung deutscher Truppen stattfanden.[9] Weil die deutsche Quick Reaction Force voraussichtlich in Ghormach gegen die Rebellen kämpfen wird, wird zur Zeit über eine Aufstockung der Truppe für die bevorstehenden Kämpfe diskutiert. Berlin sucht die Entsendung zusätzlicher deutscher Soldaten zu vermeiden und will statt ihrer Militärs aus anderen westlichen Staaten heranziehen.
 
Dieselben Fehler
Angesichts der Eskalation der Kämpfe verweisen russische Militärs auf deutliche Parallelen zwischen der sowjetischen und der westlichen Besetzung Afghanistans. "Als wir 1979 in Afghanistan einmarschierten, bereiteten uns die Menschen einen netten Empfang", berichtet Generalleutnant a.D. Ruslan Auschew.[10] "Genau ein Jahr später begannen 40 Prozent der Bevölkerung uns zu hassen. Fünf Jahre später hassten uns 60 Prozent der Bevölkerung. Und als wir abzogen, hassten uns 90 Prozent." Auschew zufolge beging Moskau damals schwere Fehler. "Ich kann Ihnen sagen, welche Fehler Sie machen und welche Fehler wir machten", erklärt Auschew in einem Presseinterview: "Es sind dieselben Fehler."
 
Quelle: german-foreign-policy.com
 
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