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Nord-Afghanistan kämpft gegen Hunger, nicht gegen die Taliban Drucken E-Mail
Dienstag, 03 März 2009
01.03.09 Sang-i-Chel/Berlin (Reuters) - So wie dem 45-jährigen Habibullah geht es derzeit vielen in Afghanistans Norden: Der Vater von zehn Kindern steht vor einem brachliegenden Feld und wartet auf die Zuteilung seiner Lebensmittelration.

"Das Leben ist nicht gut. Es gab nichts im letzten Jahr. Kein Wasser. Kein Weizen. Wenn es dieses Jahr wieder kein Wasser gibt, dann muss ich in die Stadt gehen. Dann werde ich ein Flüchtling", sagt der Bauer in dem kleinen afghanischen Dorf Sang-i-Chel in der Provinz Balch an der Grenze zu Usbekistan.

Die Menschen im Norden Afghanistans sind verzweifelt. Während die USA und Deutschland neue Soldaten an den Hindukusch schicken wollen, kämpfen die Bewohner in der Region nicht gegen die Taliban, sondern gegen den Hunger. Ausbleibende Ernten und explodierende Lebensmittelpreise sind der neue Feind der Menschen im Norden.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) versorgt in den Provinzen dort mittlerweile rund 30.000 Menschen mit Grundnahrungsmitteln. Die Lebensmittelversorgung gehört normalerweise nicht zum Mandat des IKRK. "Das IKRK wurde einbezogen, weil die Not so groß war. Die Dürre betrifft Tausende Menschen", beschreibt IKRK-Mitarbeiter Asim Noorani die Situation. Aufgrund der Dürre im letzten Jahr fiel die Ernte der Bauern fast komplett aus.

Laut Ralf Südhoff vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) müssen in ganz Afghanistan 2009 knapp neun Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln unterstützt werden, fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Das Hauptproblem liegt für ihn in den explodierenden Preisen. Weizen als das wichtigste Grundnahrungsmittel der Menschen in der Region sei seit Beginn der Krise rund 60 Prozent teurer geworden. Die Regierung steht der Situation machtlos gegenüber. "Solche Staaten haben schlichtweg nicht die Mittel, ihr Volk zu ernähren", sagt Südhoff.

Doch die Bevölkerung fühlt sich von ihren Politikern im Stich gelassen. "Wir hatten gar keine Unterstützung von der Regierung. Sie haben uns versprochen, sie würden uns Essen geben, aber das haben sie nicht", sagt Mohammed Rafi an einer Essensausgabestelle. Er ist mit Hunderten anderen stundenlang nach Sang-i-Chel gewandert, um sich von der Hilfsorganisation seine Notration Reis, Bohnen und Tee zu holen. Viele Afghanen müssen in ihrer Verzweiflung ihr Vieh verkaufen und aus den Dörfern in die Stadt gehen, um nach Arbeit zu suchen.

Dabei seien Lebensmittel reichlich vorhanden, sagt Uwe Hermann von der Welthungerhilfe in der Provinz Dschowsdschan, wo er am Wiederaufbau der Landwirtschaft arbeitet. "Den Menschen hingegen fehlt das Geld, um sich diese zu kaufen," macht er klar. Obwohl sich die Situation in der Provinz im Norden durch starke Regenfälle in den letzten Tagen etwas gebessert habe, sei 2008 wohl eines der am schwersten zu bewältigenden Jahre für das Land gewesen. Nach einem extrem harten Winter sind im Sommer in der Provinz Dschowsdschan rund 80 Prozent der Ernte zerstört worden, der Niederschlag der letzten Tage gibt allerdings Anlass zur Hoffnung.

In der Provinz Balch in dem kleinen Dorf Sang-i-Chel stecken die Menschen derweil weiter in einem Teufelskreis: Der Regen bleibt aus, was für die Bauern neue Ernteausfälle bedeutet. So gibt es kein Saatgut für das kommende Jahr und wieder keine Ernte. "Wenn wir die Lebensmittelhilfe nicht hätten, würde ich sterben", sagt der 35-jährige Chari verzweifelt und macht mit seinem Finger eine schneidende Geste über sein Genick.

 
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