| „Nicht die Sympathien verscherzen“ |
|
|
| Freitag, 26 Juni 2009 | |
|
KABUL - Seit US-General Stanley McChrystal das Kommando der Internationalen Sicherheitstruppen ISAF in Afghanistan übernommen hat, redet nur noch der hartgesottene Offizier der Special Forces. Als erstes will er den 56.000 US-Soldaten und 32.000 Nato-Truppen, die ihm unterstehen, einen „Kulturwandel“ verordnen. „Wenn Sie irgendetwas tun, was den Leuten schadet“, erklärte der Experte für die schmutzige Kriegsführung von Spezialeinheiten bei dem Besuch eines neuen Stützpunkt der Marines in der Drogenhochburg Helmand, „verscherzen sie sich wahrscheinlich die Sympathien der Bevölkerung.“ Die Truppen sollten lieber einmal darauf verzichten, Bombardements durch Kampfflugzeuge anzufordern und sich zurückziehen, wenn Gefahr für Zivilisten bestehe. Das ist freilich nur ein Teil des Kulturwandels, mit dem Nato und die USA die radikalislamischen Talibanmilizen schwächen wollen. Der US-Sonderbotschafter für Afghanistan Richard Holbrooke kündigte bei der Drogenbekämpfung außerdem den Abschied von der Vernichtung von Mohnfeldern an. Wahrscheinlich wollen die USA verstärkt gegen die Hintermänner, die sowohl bei Taliban wie in der Regierung sitzen, vorgehen. Die bisherige konventionelle Kriegsführung wird unter McChrystal in den Hintergrund treten. Stattdessen wollen Nato- und US-Truppen die Talibanmilizen mit deren eigenen Mitteln schlagen. „Bald werden auch Bomben, Minen und Sprengsätze auf den Pfaden explodieren, die von den Extremisten benutzt werden“, erläutert ein Offizier im Isaf-Hauptquartier in Kabul die neue Taktik, „anders als die Taliban können wir die mit Fernsteuerung an- und ausschalten, um zivile Verluste zu vermeiden.“ Eine Kostprobe der neuen Strategie gab es Mitte der Woche in Pakistan. Erst wurde von einer ferngesteuerten US-Drohne ein Taliban-Kommandeur in Süd-Waziristan in Pakistan mit einer Rakete getötet. Ein zweites Geschoss brachte später mindestens 45 der Kämpfer um, die an seiner Beerdigung teilnahmen. Der „Kulturwandel“ dürfte auch die Bundeswehr im Norden unter neuen Druck setzen. „Die Deutschen schlafen“, sagte ein US-Oberst in Kabul, der seinen Namen nicht nennen will, angesichts des Erstarkens der Taliban in der Region Kundus. Man sei nicht so verrückt, sagen hingegen deutsche Militärkreise, sich jetzt noch in einen Krieg hineinziehen zu lassen. Sie verweisen wie auch diplomatische Kreise in Kabul auf die Aussage von US-Verteidigungsminister Gates, die kommenden 18 Monate seien entscheidend. Nach der geplanten, großen militärischen Kraftanstrengung unter dem neuen US-Kommandeur, so heißt es, würden die USA just vor den nächsten Kongresswahlen den Beginn eines langsamen Truppenabzug verkünden. Grundlage ist der Plan, in zwei Jahren die afghanische Armee auf 120 000 bis 140 000 Soldaten aufzustocken und eine Polizeistreitmacht von rund 80 000 Mann aufzubauen. Außerdem wird eine politische Beteiligung der Talibanmilizen an der Regierung in Kabul in Betracht gezogen. Der afghanische Präsident Hamid Karsai scheint ebenfalls mit diesem Zeitrahmen zu rechnen. Er geht davon aus, dass er im August wiedergewählt wird. Karsai strebt laut Kennern anschließend die Position eines „Paschtunenführers“ in Afghanistan und der Grenzregionen Pakistans an. Seine Brüder und ein Teil seines Clans sind deshalb angeblich schon dabei, geschäftliche Verbindungen zu ihren gegenwärtigen Feinden bei den Taliban zu knüpfen.
Quelle: ksta.de |
| < zurück | weiter > |
|---|


