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Der neue Nato-Chef Rasmussen muss den Afghanistan-Einsatz zu einem politischen Erfolg führen Drucken E-Mail
Dienstag, 04 August 2009
04.08.2009 - Bei der Nato geht es zu wie beim Fernsehkanal Euronews, der die ersten Worte des neuen Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen in alle Welt tragen wollte. Dummerweise funktionierte die Technik nicht, mit deren Hilfe die Rede hätte übertragen werden sollen. Zu hören war stattdessen ein Sprachengewirr aus den Kehlen der Dolmetscher, die das Ereignis für die Zuhörer aus den 28 Mitgliedstaaten aufbereiten sollten.

Nicht anders klingt es in den Räten und Komitees des Bündnisses. Da wird geredet und gedröhnt, aber zu verstehen ist wenig. Die Nato spricht nicht mit einer Sprache, weil die Mitglieder, angeführt von den dominierenden USA, das Bündnis, seine Aufgaben und ihre Rolle darin mit unterschiedlichen Worten beschreiben. Dieser Zustand hält nun schon lange an. Mit jedem neuen Mitglied im Bündnis wurde die Sprachverwirrung größer, und zum besonderen Missvergnügen trägt bei, dass die Allianz ihre Identitätskrise seit dem Ende des Kalten Krieges nicht hinter sich lassen kann: Wozu die Nato? Wohin mit ihren Soldaten? Welcher Vorstellung von Sicherheitspolitik dient der Verein?

Eine Antwort soll seit Jahren schon ein strategisches Konzept geben, ein Art sicherheitspolitisches Glaubensbekenntnis. Der Weg zu diesem Konzept ist das Ziel, die Nato wird mit der Debatte über das Papier ihr Selbstverständnis definieren. Soweit die Theorie. In der Praxis spürt die Nato, dass sie möglicherweise schon zu groß und zu heterogen ist, als dass sie sich auf eine gemeinsame Sprache wird verständigen können.

Hier kommt der Generalsekretär ins Spiel, der weniger Sekretär und schon gar nicht General im Bündnis ist. Rasmussen, der neue Mann an der Spitze, muss zunächst die Rolle eines Moderators und eines Animateurs spielen. Er muss die Mitglieder des Bündnisses wieder dazu bringen, dass sie ihre politischen Auseinandersetzungen im Bündnis selbst führen, dass sie einander ernst nehmen, dass sie das Prinzip der Gleichberechtigung und der Lastenteilung akzeptieren.

So viel ist kaputtgegangen nach dem 11. September und in der Zeit der amerikanischen Dominanz, dass die Nato die Prinzipien des Bündnis-Lebens erst einmal wieder einüben muss. Ihre Attraktivität bezieht sie ja aus dem Gedanken, dass sich hier viele Demokratien gleichberechtigt zusammentun, um über das wichtigste Gut ihrer Bürger zu wachen: deren Unversehrtheit, deren Sicherheit.

Rasmussen sollte also der Versuchung widerstehen, den dröhnenden Haudrauf zu geben. Stattdessen braucht die Nato jetzt den Moderator, der ihr größtes Problem zu einem guten Abschluss bringt: Afghanistan. Hier droht der Allianz ein Fiasko, hier entscheidet sich ihre Glaubwürdigkeit. Rasmussen sollte sich also voll auf dieses Problem konzentrieren. Seine ersten Worte zeigen, dass er die herkulische Dimension erkannt hat.

Die Nato-Miglieder hungern nach einer starken und integrativen Führung, wie sich einst die Amerikaner nach Obama sehnten. Die Nato braucht einen Kopf, der Afghanistan nicht nur als Problem der Truppenstärke und der Einsatztaktik sieht. Die 28 Mitglieder des Bündnisses und das gute Dutzend befreundeter Staaten, die jene gewaltige Allianz in Afghanistan bilden, haben keine Lust, sich von den Taliban oder einem taktierenden Präsidenten Hamid Karsai vorführen zu lassen. Es wird Zeit, dass ihr politisches Gewicht zu spüren ist.

Nach der afghanischen Wahl wird der Moment kommen, klare Abmachungen einzufordern. Rasmussen sollte bis dahin die Mitglieder auf die politische Offensive einzuschwören. Der Wunsch nach Einstimmigkeit in der überlebenswichtigen Frage ist groß. Wenn Rasmussen das Bedürfnis geschickt kanalisiert, wenn er den politischen Weg aus dem Dilemma weist, dann wird er der starke Generalsekretär sein, den die Nato schon lange verdient hätte.

Quelle: sueddeutsche.de

 
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