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Afghanistan: Der vernachlässigte Krieg Drucken E-Mail
Thursday, 06 December 2007

Woher kommen die Selbstmord- attentäter? Warum ist die Polizei unfähig? Wie soll es weitergehen?

Sechs Soldaten und sieben Zivilisten starben gestern, Mittwoch, bei einem Anschlag in Kabul. Siebzehn wurden verletzt. Die Taliban-Milizen bekannten sich zu dem Anschlag.

Doch was steckt hinter dieser Meldung? Die Taliban erstarken, sie profitieren von der chaotischen Situation in Pakistan, wo Präsident Pervez Musharraf in den vergangenen Monaten mehr Energie aufgewandt hat, Richter, Journalisten und die gegen ihn rebellierende Zivilgesellschaft niederzuhalten, als den immer dreister im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet agierenden Taliban das Handwerk zu legen.

Im Swat-Tal im Norden des Landes, das sich als „Paradies auf Erden“ bezeichnet und von Touristen als „Schweiz Asiens“ gepriesen wurde, haben die Gotteskrieger mittlerweile die Kontrolle übernommen und dadurch weitere begehrte Rückzugsräume gewonnen, wo sie vor Verfolgung durch US- oder Nato-Truppen sicher sind.

US-Verteidigungsminister Robert Gates besucht diese Woche Afghanistan, die Anschlags-Serie dürfte wohl auch ein makabrer Willkommensgruß der Taliban an den Pentagon-Chef gewesen sein. „Eine unserer Sorgen ist, dass in den vergangenen zwei, drei Jahren das Gewaltniveau – besonders im Süden Afghanistans gestiegen ist“, sagte Gates.


Suizid-Bomber unfähig, zum Glück

Vor allem die Zahl der Selbstmordattentate ist dramatisch in die Höhe geschnellt. C. Christine Fair, eine frühere Mitarbeiterin der UN-Mission in Afghanistan (Unama – UN-Mission in Afghanistan) und jetzige Expertin der US-Denkfabrik Rand ist Co-Autorin einer UN-Studie über Selbstmordattentäter. Fair, eine quirlige Politikwissenschaftlerin, legte der „Presse“ ihre Forschungsergebnisse im Rahmen einer vom „Liechtenstein Institute on Self Determination“ in Brüssel veranstalteten Konferenz dar: „Bei Selbstmordattentaten in Afghanistan sterben im Schnitt rund drei Menschen. In anderen Ländern reißen Selbstmordattentäter mindestens elf weitere Menschen in Tod.“ Außerdem würden sich die Selbstmordattentäter in Afghanistan – anders als etwa im Irak – meist Ziele auswählen, die gut geschützt seien und sehr vorsichtig agieren, wie Armeekräfte oder Polizei. Offenbar fehle es den Suizidbombern an Ausbildung.

Das erste Selbstmordattentat in Afghanistan ereignete sich am 9. September 2001, bis zum Jahr 2005 wurde die Taktik aber kaum angewandt. „Während Selbstmordattentäter in anderen Teilen der Welt weder arm noch ungebildet sind, rekrutieren sich Selbstmordattentäter in Afghanistan überwiegend aus Koranschulen, sind meist jung und ungebildet“, steht in der UN-Studie über Selbstmordattentäter zu lesen.

Die Schlussfolgerung von Christine Fair, Autorin der Studie: „Die gute Nachricht: Die Selbstmordbomber sind weniger tödlich als auf anderen Konfliktschauplätzen. Die schlechte Nachricht: „Es bleibt unklar, wie man dem Phänomen begegnen könnte.“

Eine mögliche Antwort könnte in einem Bericht des US-Radiosenders „National Public Radio“ (NPR) liegen. Nach den Recherchen der Kabul-Korrespondentin Soraya Sarhaddi Nelson sind die meisten Selbstmordattentäter behindert. Sie sprach mit dem Arzt Yusef Yadgari von der medizinischen Universität Kabul, der einen Großteil der Autopsien von Leichen von Selbstmordattentätern durchführt und zu dem Schluss kommt, dass drei von fünf Selbstmordattentätern an einer Behinderung leiden. Verstärkte Investitionen in humanitäre Hilfe könnten somit einen direkten Beitrag zur Terrorbekämpfung leisten.


„Räuber oder Polizist?“

Während nach US-Angaben die Schlagkraft der afghanischen Armee steigt, gibt es bei der Aufstellung der afghanischen Polizei größere Probleme. In einem Papier, das den provokanten Titel „Räuber oder Polizist?“ trägt, schreibt Afghanistan-Experte Andrew Wilder, dass erst sehr spät begonnen wurde, in die Ausbildung der afghanischen Polizei zu investieren. 2007 wurde mehr Geld in diesen Sektor investiert, wie in den vergangenen fünf Jahren zusammen. Doch wie viele der 62.000 Polizisten tatsächlich einsatzbereit sind, weiß niemand. Wilder: „Viele Afghanen sehen die Polizei als Teil des Problems und nicht der Lösung.“

Wolfgang Danspeckgruber, österreichischer Professor an der Princeton University und Direktor des „Liechtenstein Institute on Self-Determination“ spricht von einem „Henne-Ei-Dilemma“: „Ohne Sicherheit gibt es keinen funktionierenden Staat und keine florierende Wirtschaft. Ohne letzteres gibt es aber wiederum auch keine Sicherheit.“

Doch die nahe Zukunft lässt eher eine Verschlechterung der Sicherheitslage erwarten: Die Instabilität in Pakistan nützt den Taliban und Drogen-Experten fürchten, dass sich die Taliban zu einer Narko-Mafia à la kolumbianischer Farc entwickeln könnten. Dazu kommt die Propaganda der Taliban-Milizen.

Sie schüren bei der paschtunischen Bevölkerung (die meisten Taliban sind Paschtunen) die Angst, dass die Paschtunen zwischen den Tadschiken im Norden Afghanistans und den Punjabis im Süden des auf pakistanischem Gebiet liegenden Siedlungsgebiets aufgerieben werden könnten. Diese Kommunikations-Strategie geht derzeit noch nicht auf: Doch der (paschtunische) Präsident Hamid Karsai verliert bei den Paschtunen immer mehr an Unterstützung.

Quelle: Die Presse

 
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