Die Taliban vor den Toren
Mittwoch, 10 Dezember 2008
Nun gut, Kassandra war noch nie populär. Und die Rolle der Schwarzseherin scheinen westliche Autoritäten gerne dem International Council of Security and Development, dem früheren Senlis Council, zuzuschreiben.  Was diese Organisation in ihrem am Montag vorgelegten jüngsten Bericht schreibt, liest sich auch nicht nett: Die Taliban, heißt es in dem Papier, sind inzwischen in 72 Prozent des afghanischen Staatsgebiets eine feste Größe - vor einem Jahr seien es noch 54 Prozent gewesen. Die de facto-Kontrolle dieser Aufständischen über örtliche Strukturen habe sich aus den Dörfern Südafghanistans in die westlichen und nordwestlichen Provinzen ausgeweitet. Vor allem aber: Sie stehen, sagt der Council, praktisch vor den Toren der Hauptstadt Kabul - und bestimmen die politische und militärische Dynamik in Afghanistan.

Das muss in dem Ausmaß nicht stimmen. Allerdings hat die Organisation schon früher mit skeptischen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht - und niemand behauptet, dass sich seitdem die Situation in Afghanistan grundlegend gebessert habe.

Was sich ändern müsste, dafür hält der International Council eine Reihe von Vorschlägen bereit, die wie Binsenweisheiten klingen - aber deswegen noch lange nicht falsch sein müssen: Die einfachen Afghanen müssten das Lebensnotwendige bekommen, so simple Dinge wie Zugang zu Nahrungsmitteln und Wasser.  Militär und Aufklärung bleiben wichtig, aber Arbeitsplätze und Entwicklung, Rechtsstaat, eine Bekämpfung des Drogenanbaus, Bekämpfung des Analphabetentums, freie Medien müssten genau so gefördert werden. Und vor allem: die internationale Gemeinschaft müsse sich von ihrer naiven Vorstellung verabschieden, dass in Afghanistan eine Zentralgewalt alles regeln könne, also ein Führer die Verantwortlichkeit hat, die Probleme zu lösen.

Mir scheint, das hat die internationale Gemeinschaft ohnehin verstanden. Ob sie es bald umsetzt, ist eine andere Frage. Was aber vermutlich eine Utopie bleiben wird, ist eine Forderung, die die Organisation schon vor einem Jahr aufstellte und jetzt wiederholte: Die Aufstockung der internationalen Truppen auf 80.000 und damit eine Verdoppelung. Denn das ist noch nicht mal populär in den westlichen Demokratien.

Quelle: Focus.de